"Englisch spricht die ganze Welt!"

Zum nächsten Schuljahr startet die Albert-Einstein-Realschule in Wiblingen einen bilingualen Klassenzug mit den Fächern Geographie und Musik.

"Englisch spricht die ganze Welt!" erzählt Schüler Sven (12) aus Staig-Altheim begeistert von den bilingualen Erprobungsmodulen in Musik und Geographie Klasse 6 und 7 und fährt fort: "Durch den bilingualen Unterricht können wir auch im Ausland etwas sagen." Seine Mitschülerin Vanessa (12) aus Staig-Altheim ergänzt: "Wir lernen jede Menge Wörter zum normalen Wortschatz in Englisch dazu." Christian (13) aus Illertissen macht bilinguales Lernen Spaß, "weil wir beim Englischsprechen Fehler machen dürfen, ohne dass wir gleich eine schlechte Note bekommen."

Bilingualer Unterricht wie in diesen Erprobungsmodulen wird für ein Viertel der zukünftigen Realschüler in Wiblingen bald Alltag in den Nebenfächern Geographie und Musik. Im Vordergrund steht dabei das Lernen im Sachfach, die englische Sprache wird - anders als im Fach Englisch - nicht bewertet.

Aber warum sollten Eltern ihr Kind dafür anmelden?

"Bilinguales Lernen ermöglicht den Schülerinnen und Schülern einen völlig neuen Zugang zu der Sprache, indem Englisch vom Unterrichtsgegenstand  zum Hilfsmittel wird und der Fokus weiterhin auf der Vermittlung der Fächer Musik und Geographie liegt. Der dabei stattfindende Effekt, sozusagen „learning by using“, findet indirekt statt, zahlt sich über die Jahre aber direkt aus. Die Fächer Musik und Geographie eignen sich für bilingualen Unterricht besonders, da sie durch viele weitere Arbeitsmittel wie Karten, Modelle und Instrumente sehr anschaulich vermittelt werden können. Selbst Schülerinnen und Schülern, welche schlechte Vorerfahrungen mit der englischen Sprache haben, kann so das Verstehen erleichtert werden.", erläutern Geographielehrerin Franziska Schiller und Musiklehrerin Bettina Brack die Zielsetzung und den Nutzen des bilingualen Unterrichts. Diese beiden Lehrerinnen sind zusammen mit der Schulleitung die treibenden Kräfte hinter dem bilingualen Zug in Wiblingen.

Das Kultusministerium möchte mit dem bilingualen Lernen das Ziel verfolgen, "den Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten im jeweiligen Sachfach mit der Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit in einer Fremdsprache zu verknüpfen."

Dieser bilinguale Zug kommt jedoch - wie jeder Profilzug an weiterführenden Schulen - nur zustande, wenn genügend Eltern ihre Kinder dafür anmelden: Mindestens 22 Schüler müssen sein, legt das Kultusministerium fest. Schließlich investiert das Land auch neun zusätzliche Lehrerstunden in jeden bilingualen Zug, verteilt auf Klasse 5 bis 10. Wer sich also für den bilingualen Zug entscheidet, hat in den sechs Jahren Realschule neun Unterrichtsstunden mehr, um inhaltlich gegenüber den durchgängig auf Deutsch unterrichteten Schülern nicht benachteiligt zu werden.

Aber wer darf überhaupt bei diesem neuen Ulmer Realschulzug mitmachen? Aus Sicht der Landesregierung sind "bilinguale Züge ein Angebot für besonders motivierte Schülerinnen und Schüler, deren Lern- und Arbeitsverhalten sowie der Gesamtnotendurchschnitt überdurchschnittlich sind". Jedoch müssen bei der Schüleranmeldung Anfang April keine anderen Dokumente vorgelegt werden als bei der Anmeldung zu jedem anderen Klassenzug. Wie wählt die Schule dann aus, wenn es zu viele Anmeldungen für eine Klasse sind? "Bei der Auswahl spielen mehrere Faktoren eine Rolle, so zum Beispiel eine pädagogisch verantwortbare Geschlechtermischung der Klasse. Das Windhundprinzip wird nicht angewendet, sondern jeder Einzelfall geprüft. Natürlich dürfen Eltern freiwillig die Halbjahresinformation der Grundschule vorlegen, um die Realschule von der Sprachbegabung ihres Kindes zu überzeugen", erklärt Schulleiter David Langer. An Gymnasien könnten im Fall einer zu treffenden Auswahl die Grundschulnoten in Deutsch und Mathematik für die Anmeldung zu einem bilingualen Zug sogar seitens der Schule erfragt werden, an Realschulen jedoch nicht. "Das macht den bilingualen Zug an der Realschule offener und gibt mehr Kindern die Chance, an bilingualem Lernen teilzuhaben", so Langer weiter. Über die Aufnahme eines Schülers in den bilingualen Zug entscheidet letztlich der Schulleiter. Es gibt also keinen Rechtsanspruch darauf. Die Albert-Einstein-Realschule ist die einzige Realschule mit bilingualem Zug in Ulm. Zwanzig Prozent der Realschulen in Baden-Württemberg bekamen bisher einen bilingualen Zug vom Kultusministerium genehmigt, Tendenz steigend. "Die Realschule ist eine leistungsorientierte Schulart, die durch bilinguale Züge und Poolstunden zur Differenzierung und Förderung von der Landesregierung weiter gestärkt wird. Wir freuen uns, mit dem bilingualen Zug nun auch ein spezielles Angebot für sprachbegabte Kinder machen zu können", ergänzt Langer.

 

Bleibt die Frage: Was bringt das Ganze? Dr. Helmut Johannes Vollmer, Professor an der Universität Osnabrück, kommt in einer wissenschaftlichen Studie zum Kompetenzzuwachs von bilingual unterrichteten Schülern zu folgenden Ergebnissen: „Unterschiede im fremdsprachlichen Können von bis zu zwei Lernjahren zwischen bilingualen Schülern und Regelschülern am Ende von Klasse 10.“ Und: „Die fachliche Kompetenz leidet nicht unter den fremdsprachlichen Erfolgen.“

Die Schülerinnen und Schüler des bilingualen Zugs erhalten am Ende der Klasse 8 ein einheitliches Testat und mit dem Abschlusszeugnis in Klasse 10 ein Zertifikat. Somit kann die bilinguale Qualifikation für jede Bewerbung auf Praktika oder Ausbildungsplätze oder für weiterführende Schulplätze genutzt werden. In Ulm kann beispielsweise im Wirtschaftsgymnasium an der Friedrich-List-Schule bis zum Internationalen Abitur bilingual weiter gelernt werden.

 

Weitere Infos: Genauer erklärt wird der bilinguale Zug der Albert-Einstein-Realschule beim Infoabend am Freitag, 17.03.2017 um 17:00 Uhr im Foyer des Schulzentrums Ulm-Wiblingen.

 

Foto: Bilingualer Musikunterricht mit Schülern der Klasse 7a und Musiklehrerin Bettina Brack.